STREET-ART BRAZIL IN DER FRANKFURTER SCHIRN

Ich erinnere mich noch ziemlich gut an den Anfang des Jahres 2013, denn damals bekam ich einen ganzen Haufen Orte zu sehen, die irgendwie jeder Mensch mal gesehen haben muss. Kap Hoorn war darunter, das südliche Ende der Panamericana, die Fjorde von Tierra del Fuego, Santiago del Chile und mein absoluter Liebling Buenos Aires. Spannend war aber auch Rio de Janeiro, und das nicht nur, weil zu der Zeit der Karneval dort stattfand und die halbe Stadt auf den Beinen war, um Samba zu tanzen.

Als ich im Taxi saß und der Fahrer wegen der zahlreichen Straßensperren mit uns Schleichwege durch ein Hafenviertel fuhr, fiel mir das erste Mal so richtig bewusst auf, wie wahnsinnig bunt die Wände hier waren. Die Graffiti-Szene in Brasilien unterscheidet sich ganz extrem von der Street-Art in Nordamerika und Europa. Keine hingeschmierten Tags und auch nicht die immer gleichen Schriftzüge: kulturelle Einflüsse aus aller Welt mischen sich in Brasilien mit indigenen Elementen und kreieren einen Stil, der in seiner Verspieltheit und Variabilität unerreicht ist.

© Katrin Doerksen

© Katrin Doerksen

In mein Reisetagebuch schrieb ich damals: „Die Fahrt durch Rio wird noch einmal abenteuerlich, denn die Hälfte der Straßen sind wegen des Karnevals gesperrt, und so muss unser Taxifahrer mit uns diverse Schleichwege fahren. Auf dem Weg passieren wir auf einer breiten Straße die parkenden Wagen der Karnevalsumzüge aus dem Sambadromo. Es ist schon beeindruckend, mit wieviel Aufwand und Liebe zum Detail sie gefertigt sind. Vertreten sind hier halbnackte Pappmachéfrauen, Totenköpfe, Teufel und Pferde; und selbstverständlich alles in Knallfarben sowie mit einer Extraportion Glitter versehen. Also, ich kann mir nicht helfen – sicher, Karneval in Rio ist wesentlich besser als Fassenacht in Mainz, und mit einer Extraportion Schlaf fände ich das sicher alles noch viel entzückender, aber selbst hier ist dieses kollektive Besäufnis in bunten Kostümen nicht mein Ding. Vielleicht kommt hier aber auch nur meine Aversion gegen große, laute Menschenmassen zum Tragen. Was mich in den Nebenstraßen von Rio tatsächlich viel mehr fasziniert, ist die überall zu bestaunende Graffitikunst. Große Bilder prangen an den Häuserfassaden und zeugen von erfrischender Kreativität ihrer Erschaffer. Selbst die bei uns meist als bloße Schmierereien verschrieenen Tags sind hier oft so symmetrisch an die Wände drapiert, dass sie sich harmonisch ins Gesamtbild einfügen. Als wir schließlich den Hafen erreichen, ruft ein Brasilianer mit bärengleichen Pranken „Follow me, my friend“, wuchtet unsere Koffer auf einen Wagen und stiefelt los über das halbe Hafengelände bis zum Terminal vor unserem Schiff. Hier sind wir nun nicht mehr die deutsche Reisegruppe, sondern nur zwei Passagiere von vielen.“

Umso schöner jedenfalls, dass die noch immer oft stiefmütterlich behandelte Street-Art auch einen Platz in etablierten Ausstellungsräumen findet. Für die Ausstellung Street-Art Brazil der Frankfurter Kunsthalle Schirn wurden die interessantesten Künstler aus dem ganzen Land eingeladen, um öffentliche Flächen der Stadt am Main umzugestalten, unseren Blick auf das Alltägliche zu verändern. Besonders angetan haben es mir dabei die Künstlerin Fefe Talavera mit ihren Buchstabenmonstern und die Geometrie von Gais, denen die Schirn auch jeweils einen kurzen Portrait-Clip widmet.

© Fefe Talavera, Sao Paolo 2006, Schirn

© Fefe Talavera, Sao Paolo 2006, Schirn

Gais

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