MARY IS HAPPY, MARY IS HAPPY – FESTIVALKRITIK

Jeden Monat bin ich aufs Neue damit beschäftigt, über ein Filmfestival zu klagen, das gerade irgendwo auf der Welt ohne mich stattfindet. Derzeit betrauere ich mein absolutes Sehnsuchtsfestival in Toronto und dass ich Alfonso Cuaróns Gravity in Venedig verpasst habe. Die Mostra Internazionale d’Arte Cinematografica  – la Biennale di Venezia kam mir aber immerhin etwas entgegen und zeigte in diesem Jahr erstmals einige seiner Beiträge als Online-Stream. Was konnte ich da tun? Ich musste selbstverständlich zuschlagen und habe mich für das Spielfilmdebüt Mary is happy, Mary is happy des unaussprechlichen Thailänders Nawapol Thamrongrattanarit entschieden.

© Biennale College - Cinema

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Mary is happy, Mary is happy dreht sich um die gleichnamige Schülerin einer thailändischen High-School (Patcha Poonpiriya), die kurz vor ihrem Abschluss steht, als sich existenzielle Aspekte ihres jungen Lebens drastisch verändern. Ihre beste Freundin Suri will zum Studium ins Ausland nach Europa gehen, ein neuer Schuldirektor tyrannisiert die Schüler und dann ist da auch noch dieser interessante Junge, der immer dann geht, wenn Mary gerade auftaucht.

Zugegeben: das klingt nicht gerade originell. Tatsächlich war der Streifen aber der denkbar Günstigste für eine Sichtung per Online-Screening. Denn Nawapol Thamrongrattanarit schrieb für seinen Film kein normales Drehbuch. Vielmehr entwickelte er seine Story entlang der real existierenden 410 Tweets eines anonymen Teenagers. Und so erklärt es sich auch, dass der Film viele alltägliche Szenen zeigt, teils absurde Gedankensprünge vollführt und dem verwirrten Hirn eines Heranwachsenden gerecht zu werden scheint, ohne sich in banaler Teenager-Philosophie zu verlieren.

© Biennale College - Cinema

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Gleichzeitig ist dabei aber auch zu bemerken, dass der Regisseur selbst gerade erst frisch von der Filmhochschule kommt. Visuelle und thematische Referenzen an Jean-Luc Godard und Michelangelo Antonioni überschlagen sich mit solchen an Wong Kar-Wei und die Hongkong New Wave. Manchmal ist das sicher selbstzweckartig – Spaß macht es aber trotzdem.

Bei dieser besonderen Form der Narration und dem oft auch ungewöhnlichen visuellen Stil ist Mary is happy, Mary is happy aber einfach auch ein unaufgeregter und wertungsfreier Kommentar auf das tägliche Leben und seine Unzulänglichkeiten. Wie gut konnte ich dieses Mädchen manchmal verstehen! Für ihre Abschlussklasse stellt sie das Jahrbuch zusammen, das aussehen soll wie ein minimalistischer Fotografieband. Wie verrückt rennt sie mit der Kamera die Treppen ihrer Schule hinauf, platziert Models und Assistentin an der richtigen Stelle – und gerade als sie fertig ist, verschwindet das perfekte Licht. Ich kenne das. Und es ist wirklich ätzend. Mary is happy, Mary is happy ist nicht beliebig. Er erzählt glaubhaft, zeitgemäß und feinfühlig vom Leben einer jungen Frau, einer nachdenklichen Künstlerin.

© Biennale College - Cinema

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